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Zur Besinnung

Sonnenuntergang

An meine Konfirmanden-Bibel

Zu meiner Konfirmation habe ich dich bekommen. Damals warst du noch ganz neu. Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Ich denke, dein Einband ist einmal grün gewesen, aber davon sieht man heute nicht mehr viel, zu oft musste ich dich neu einbinden, zusammenflicken. Der Stoff, der jetzt deinen Rücken zusammenhält stammt von einer Bettwäsche, die die Kinder mal hatten, und die Bilder auf den Buchdeckeln hat eine Bekannte herausgesucht, die mir die Bibel vor 25 Jahren mal repariert hat.
Besonders lädiert sind deine Seiten bei der Bergpredigt. Ich habe dich damals bekommen und mit dem Lesen im Neuen Testament von vorne angefangen. Mit dem Matthäus-Evangelium war ich Jesus auf der Spur. Ich las von Kindheit und Taufe Jesu, Berufungen der ersten Jünger. Darauf folgte die wohl berühmteste Rede der Menschheitsgeschichte. Die Bergpredigt hat mich herausgefordert mit Sätzen wie: „Wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei,“ oder: „Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“
Danke dafür. Du hast mir damals die Spur eingestellt. Du hattest einen Ehrenplatz neben meinem Bett und ich habe täglich in dir gelesen. Aber nicht immer war unser Verhältnis harmonisch. Deine vielen Eselsohren zeugen davon, dass wir uns nicht immer einig gewesen sind. Dass du das eine oder andere Mal an die Wand geflogen bist, weil ich mich über dich geärgert habe, das hast du mir sicher längst verziehen. Eigentlich habe ich mich über Gott geärgert, weil ich ihn nicht verstanden habe, weil er nicht so geantwortet, wie ich mir das vorgestellt habe. Danke, dass du sowas aushältst. Dick umrandet ist mein Konfi-Spruch aus Psalm 100: Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken! Einsichten und Geistesblitze habe ich mit Bleistift auf deine Seiten gekritzelt. Und gleich vorne sind Buntstift-Spuren, die meine Tochter hinterlassen hat, als sie noch ganz klein war.
Du hast mich begleitet, als wir mit Freunden die Bibel lasen. Gemeinsam haben wir gegessen und gelacht, gesungen – und diskutiert, hingehört, gemeinsam gefragt, was du uns sagen möchtest. Und du begleitest mich bis heute. Du steckst voller Lesezeichen, die die Texte meiner letzten Predigteinsätze markieren, manchmal ist das Predigtmanuskript auf dem Zettel. Oder es ist eine Notiz mit einem Taufspruch, den mir eine Mutter im Taufgespräch gegeben hat, als ich dich dabei hatte. Einmal hab ich dich auf einer Kanzel vergessen, nach einem Predigttausch, da hab ich dich lange gesucht.
Ich muss gestehen, als ich anfing zu studieren, hast du den Ehrenplatz auf meinem Nachtkästchen abgetreten, an deine großen Schwestern, die hebräischen und griechischen Originale. Aber dein Platz ist auf meinem Schreibtisch ganz oben geblieben. Regelmäßig liegst du vor mir und beschenkst mich mit deiner Weisheit.
Durch dich habe ich gelernt, mich selbst mit den Fragen des Glaubens zu beschäftigen. Selbst nachzulesen, wenn ich etwas wissen wollte. Martin Luther hat ja mal gesagt: „Es sind ja doch nicht Leseworte, sondern lauter Lebeworte darin.“ So habe ich das auch verstanden: Wenn ich von der ganzen Bibel nur einen Vers verstehe und das dann tue, dann ist das viel mehr, als wenn ich 1.000 Verse lese. Das Wunderbare an der Bibel ist ja: du redest mit mir nicht gegen meinen Verstand, sondern mit meinem Verstand. Deine Worte laden mich ein, mitzugehen. Mich auf den Weg mit Jesus zu machen, sein Schüler zu sein, nachzufolgen. Darum lese ich oft nur kleine Häppchen, aber dafür jeden Tag.


Es grüßt Pfarrer Otto Guggemos