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Zur Besinnung

Rose

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz,
wie ein Siegel auf deinen Arm.
Denn Liebe ist stark wie der Tod.

Hoheslied 8,6 – Monatsspruch für Juni
2022
Mit diesem Bibelwort haben meine Frau Anita und ich eine persönliche Ge-
schichte. Es ist unser Trauspruch. Wir sind ja beide Theologen, auch wenn
meine Frau kein Examen gemacht hat. Deshalb war unser Anspruch an einen
sinnvollen Trauspruch groß. Es sollte einer sein, der auch wirklich etwas mit
der Liebe zwischen Mann und Frau zu tun hat. Fast alle Trausprüche aus dem
Neuen Testament zielen nämlich ursprünglich auf das Miteinander von Chris-
tinnen und Christen in der Gemeinde. Im alttestamentlichen Buch „Hoheslied“
ist das anders. Es enthält eine einzigartige Sammlung altisraelitischer Liebes-
gedichte. Deswegen diese Auswahl damals vor fast 40 Jahren.
„Lege mich wie ein siegel auf dein Herz, wie ein siegel auf deinen Arm. denn
Liebe ist stark wie der Tod.“

Wie sind Liebesgedichte, die einen sehr irdischen Sinn haben und die Liebe von
jungen Leuten ganz ungeschminkt auch vor und ohne die Ehe rühmen, über-
haupt in die Bibel hineingeraten?
Nur so, dass man sie über ihren eigentlichen Sinn hinaus auch geistlich ver-
standen hat: Als Bildworte für die Liebe zwischen Gott und den Menschen.
Ich habe schon bei meinen Auslegungen der Bilder in der Ordenskirche, die Sie
auf unserer Internetseite nachlesen können, deutlich gemacht, dass ich eine
solche Schriftauslegung früher ziemlich unmöglich fand. Für mich war es ein-
fach unredlich, Bibelworte an ihrem ursprünglichen Sinn vorbei auszulegen.
Das sehe ich heute anders. Durch die Beschäftigung mit den Deckenbildern der
Ordenskirche habe ich viel dazugelernt. Alttestamentliche und neutestamtliche
Bilder legen sich hier gegenseitig aus. So haben es die Reformatoren wie Mar-
tin Luther verstanden. Es ist ein Bibelverständnis, das mehr sieht als nur das
offensichtliche und materielle. Das ist übrigens auch in jeder Ehe und darüber
hinaus in jeder Beziehung und Freundschaft wesentlich: Tiefer zu sehen, als
Oberfläche und Augenschein nahelegen .

„denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das
Totenreich. ihre Glut ist feurig und eine flamme des HErrn, sodass auch vie-
le Wasser die Liebe nicht auslöschen und ströme sie nicht ertränken können.“

Wie ungeheuer groß die Gewalt des Todes ist, müssen wir auf sehr schmerzli-
che Weise erfahren, immer wieder.
Wieviel Schönes und Wertvolles wird durch diese Macht gefährdet und zer-
stört! Der Tod macht zunichte, was wir lieben.
Und zwar nicht nur dann, wenn wir für immer Abschied nehmen müssen.
Zur Macht des Todes gehört auch, wenn schon vorher Beziehungen sterben
durch Entfremdung oder Missverständnisse, wenn Menschen nur noch anei-
nander vorbeileben oder die Treue gebrochen wird. Der Tod und alles, was mit
ihm einhergeht, ist ein Beziehungskiller.
Noch eine ganz andere Dimension hat diese Gewalt, wenn durch Lügenpro-
paganda Hass gesät wird, wenn Kriege vorbereitet werden und mit brutalem
Machtwillen Träume und Leben von so vielen Menschen zerstört werden.
… so dass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht
ertränken können?

Kann das wirklich wahr sein?
Ja, denn es gibt eine Liebe, die dem Tod und all seiner Gewalt standhält. Das ist
die Liebe, mit der Jesus alle Lieblosigkeit und Gewalt am Kreuz überwindet.
Von ihm gewinnen wir die Kraft, nicht mutlos zu werden und nicht aufzuge-
ben – in der Liebe, in unseren Beziehungen und Freundschaften und auch in
unserer Arbeit für einen Frieden ohne Gewalt.
„Lege mich wie ein siegel auf dein Herz, wie ein siegel auf deinen Arm. denn
Liebe ist stark wie der Tod“

Ja, natürlich dürfen die Liebeslieder des Hohenliedes so verstanden werden,
wie sie gemeint waren: als Lobpreis auf die Liebe und damit natürlich auch
auch auf die Schönheit der körperlichen Liebe.
Aber erst im Licht der Liebe Jesu gewinnt dieser Lobpreis eine Kraft und eine
Tiefe. Durch ihn und mit ihm reicht die Liebe über das allzu äußerliche und ma-
terielle Verständnis hinaus. Das ist sehr wichtig in einer Zeit, in der
Äußerlichkeiten viel mehr zählen als früher.
Durch Jesu Hingabe wird die Liebe nicht zerstört
Deshalb ist die Liebe stark wie das Totenreich und kann alles überwinden.
Mit herzlichem Gruß,
Ihr Pfarrer Friedrich Jehnes