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Zur Besinnung

Sonnenuntergang

Nun ruht doch alle Welt und ist still und jauchzt fröhlich.
Auch freuen sich die Tannen.

Dieses Bibelwort (Jesaja 14,7-8a, in der Fassung der Lutherbibel von 1912) hat Jochen Klepper über das Weihnachtslied gestellt, das er im Oktober 1939 geschrieben hat. Es ist das letzte der insgesamt sechs Weihnachtslieder, die Klepper gedichtet hat. Das Weihnachtsfest war ihm besonders wichtig und lieb. Und ein geschmückter Weihnachtsbaum gehörte immer mit dazu. Das hat ihn vermutlich zu dem Bibelwort von
den sich freuenden Tannen geführt. „Weihnachtslied im Krieg“, so ist das Lied überschrieben. Allerdings lässt sich die Situation des Krieges fast nur in der ersten Strophe erahnen:

Nun ruht doch alle Welt.
0 Herz, wie willst du’s fassen?
Die Erde liegt im Streit,
von allem Heil verlassen,
ist friedlos weit und breit
und wider dich gestellt.

In späteren Strophen klingen eher die persönlichen Probleme des Dichters an, obwohl auch die unkonkret bleiben. Aber man kann sie heraushören, wenn man davon weiß:
die Einschränkungen von Kleppers schriftstellerischen Tätigkeit; die Not seiner Familie: der jüdischen – inzwischen getauften – Ehefrau, der jüngeren Stieftochter Renate, die als Jüdin immer stärkeren Einschränkungen ausgesetzt ist. (Die ältere Stieftochter konnte im Sommer 1939 nach England ausreisen.)
Manche werden wissen, wie diese persönliche Geschichte weitergeht: Im Dezember 1942 scheint die Deportation der Stieftochter nicht mehr aufzuhalten, und damit KZ und Ermordung durch die Nationalsozialisten. So gehen Jochen Klepper und seine Frau Hanni mit Renate zusammen in der Nacht vom 10. zum 11. Dezember 1942 in den Freitod.
Aber es geht Klepper in diesem Lied nicht um seine eigene Situation. Er bleibt bewusst allgemein, damit sich andere in seinen Worten wiederfinden können. Und er stellt der menschlichen Not das Tun Gottes gegenüber. Jeweils zwei Strophen des Liedes gehören zusammen und die zweite antwortet auf die erste:
Doch der die Erde schuf,
hat deine Angst gesehen
und hat sich aufgemacht,
will dir zur Seite stehen,
ein Helfer voller Macht.
Hell klingt sein Friedensruf.

Der Schöpfer der Erde kommt der vom Heil verlassenen Erde zu Hilfe. Er stellt sich den Menschen in Not und Ängsten zur Seite. Hell klingt sein Friedensruf. Auch in die Kriegszeit hinein bringt er Frieden. Die dritte Strophe beginnt wie die erste, fünfte und siebte mit dem Bibeltext, wenn auch nicht mehr mit einem wörtlichen Zitat wie die erste:
Wie wird die Welt so still.
0 Herz, wie sollst du’s glauben?
Du trägst so schwere Last.
Die Welt will alles rauben,
was du so heiß umfaßt.
Des Leidens ist kein Ziel.

Stellvertretend für viele Menschen, die in Notsituationen die frohe Botschaft nicht fassen und glauben können, drückt Jochen Klepper Zweifel und Angst aus. Seine Worte sind offen für ganz unterschiedliche Erfahung: Materielle Not, Trauer und Verlust, Angst und Krankheit. Egal, was mich beschwert, die vierte Strophe setzt dem wieder die Gegenwart
und Realität Gottes entgegen. Die Gegenwart des Gottes, der Mensch wird, uns zugut. Er tritt heut in deine Zeit … Das macht dich reich und froh. Und noch ein drittes Mal wiederholt
sich dieses Hin und Her: Die Welt jauchzt fröhlich auf. So klingt wieder das Bibelwort an. Aber das Herz des singenden Ich hat die Not versteint. Doch der Geist Gottes tröstet und belebt. Er bringt die Botschaft:

Dein Heiland kommt herab!

Die letzte Doppelstrophe ist von Anfang an zuversichtlicher gestimmt und nimmt neben dem voranstehenden Bibelwort die Weihnachtsgeschichte auf:

Die Tannen freuen sich.
Die Hürden auf dem Felde
erhellt ein klarer Schein.

Das Ich spricht hier nicht mehr mit sich selbst, mit seinem zweifelnden Herzen, sondern mit dem Verkündigungsengel:
Kommst du und meinst auch mich?
Die Antwort des Engels wird nicht genannt, aber sie ist zu ahnen. Denn das Lied endet voll Zuversicht:

Gott Lob! In deinem Licht

darf ich das Licht erschauen,

das Kind, den Herrn der Welt!

Ihm will ich mich vertrauen,
er ist es, der mich hält
und rettet im Gericht.

Nicht zufällig kann man hier auch den Schluss des bekanntestesn Weihnachtsliedes von Klepper mithören: Die Nacht ist vorgedrungen. Dies Lied endet mit den Worten: Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht. Weihnachten ist Klepper lieb und wichtig. Aber nicht, weil der Weihnachtsbaum so hell leuchtet, sondern weil Gott, unser Heiland, Mensch wird, um uns zu retten. Davon singt uns Jochen Klepper.


Ihre Pfarrerin Irene Mildenberger