ZUR BESINNUNG

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mein Apfelbäumchen


Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!
Offenbarung 21,5 – Jahreslosung für 2026

 

Johannes, Prophet der urchristlichen Generation, darf einen Blick in Got-
tes neue Welt tun – nach Visionen von Not und Zerstörung: die Zornes-
schalen ausgegossen, die apokalyptischen Reiter vorübergezogen, der
Drache vom Himmel gefallen und das Tier gerichtet, und mit ihm die ihm
gedient haben. So viel Not hat der Prophet gesehen. Christen wurden
verfolgt, von Familien verstoßen, in Schande und Schmerzen, in Flucht
und Verbannung.
Und am Ende: Die Stadt des Friedens, das neue Jerusalem, steht nicht
auf aus Ruinen, sondern kommt herab vom Himmel. Ein Geschenk Gottes 

ist sie, damit die Gerechten darin wohnen.

 

Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!

Gott hat auf dem Thron gesessen, die ganze Zeit schon, auch wenn
wir es nicht gemerkt haben. Das ist eine der zentralen Botschaften der
Johannes-Apokalypse: Über aller Not, und wenn die Welt voll Teufel wär,
sitzt Gott doch im Regimente und machet alles wohl. Gottes Liebe ist
wie die Sonne, die trotz der Wolkenmauer uns die Helle bringt und doch
nur zu neuem Aufgehn sinkt. Gott ist da, er ist unsere Zukunft, er ist
unser Friede.

Und wir pflanzen Apfelbäumchen. Haben Sie es schon gesehen? Auf der
Friedhofswiese stehen jetzt Obstbäume. Im November ist die Zeit
zum Pflanzen – wenn es kalt und regnerisch ist, können sie sich am besten
einwurzeln.

 

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute
noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Martin Luther soll das einmal gesagt haben. 

Das Zitat taucht erstmals im Oktober 1944 in einem Rundbrief
der Bekennenden Kirche auf.* Seine große Wirkung entfaltete es in der
Nachkriegszeit, wo es zu einem Motto des Wiederaufbaus wurde: Man
hatte die Götterdämmerung überlebt und begann wieder, Bäumchen zu
pflanzen, Häuser zu bauen, Kinder zur Schule zu schicken.
Am 30. November beginnt der Advent: Gott wird ein Kindlein klein,
mitten im kalten Winter, in tiefster Nacht erschienen. Gott macht alles
neu. Er vertraut sich uns an, um unser Vertrauen zu gewinnen. Dieses
Vertrauen ist ja der Glaube, der rettet und neues Leben gibt.
Wir pflanzen unsere Apfelbäumchen an den Friedhof. Dort, wo so viele
St. Georgener Tränen geflossen sind. Dort, wo manchem seine Welt in
Trümmern lag und manche Hoffnung beerdigt worden ist. Dort, direkt
unterhalb der Kriegsgräber. Dort, wo auch Zwangsarbeiter beerdigt sind,
in deren Baracken damals Bomben fielen und man wusste nicht einmal,
ob da eine Frau oder ein Mann von Bomben zerfetzt worden war.
„Siehe, ich mache alles neu“ – Gott sagt es über einer Welt, die unter-
geht. Über all unserem Untergang steht dieses Wort. Wo unsere Hoff-
nungen beerdigt sind, da schafft Gott Neues. Wo unser Vertrauen in die
Zukunft zerbricht, ist ER unsere Zukunft. Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern. Das gilt von dem Heiland her, der der da ist,
der da war und der da kommt.
Daran möchte ich gerne denken, wenn ich die Apfelbäumchen sehe. Da-
ran möchte ich gerne denken, wenn ich mit den Weinenden auf diesem
Friedhof stehe, und wenn ich mit Euch den Advent feiere.

 

Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.

 

Otto Guggemos

 

*Vgl. Martin Schloemann: Luthers Apfelbäumchen? Ein Kapitel deutscher Mentalitätsge-
schichte seit dem Zweiten Weltkrieg, Berlin 2016